Buchbinderei Köster
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Aug
2017

Alte Berufe im grafischen Gewerbe : der Schriftsetzer

von Klaus Müller
Die Bosheiten des Druckfehlerteufels sind bestimmt schon jedem Leser in irgend einer Form begegnet. Die „Dreckfehler“ begleiten das Druckgewerbe schon seit Beginn der Druckkunst. Sie sind auch heute mit den neuen Computersystemen der Satzherstellung nicht endgültig zu beseitigen.
Die Entwicklung der Schrift, angefangen von bildlichen Darstellungen, Zeichen, Silben bis zu einzelnen Buchstaben kennzeichnen einen langen Weg in der Geschichte der Menschen. Je nach Kulturkreis entwickelte sich eine eigene Sprache und Schrift. Wissenschaftler schätzen, daß es gegenwärtig weltweit ungefähr 3000 Sprachen und Dialekte gibt.
Unser heutiges Alphabet leitet sich aus der Schriftentwicklung der Römer ab. Das Alphabet ist benannt nach den ersten beiden griechischen Buchstaben Alpha und Beta. Auf ihren Eroberungszügen lernten die Römer die Bedeutung der griechischen Schrift kennen und führten sie in abgewandelter Form in ihrem Machtbereich ein. Bereits im 1. Jahrhundert v.Chr. bestand das lateinische Alphabet. Die römische Steinschrift, die „Kapitalis“ ist noch an alten Gebäuden zu sehen und in ihrer klaren Form bis heute nicht übertroffen. In der Zeit Kaiser Karl des Großen wurde eine einheitliche Schrift, die karolingische „Minuskel“ , für das ganze Reichsgebiet eingeführt. Diese Kleinbuchstabenschrift veränderte sich langsam in die schlanke gotische Schreibschrift im 14. Jahrhundert. Die deutsche und lateinische Schreibschrift entwickelten sich und sind bis heute gebräuchlich. Die Menschen der westlich orientierten Welt schreiben, drucken und lesen noch heute das lateinische Alphabet. Als Johannes Gutenberg nach jahrelangem Experimentieren um 1440 mit den ersten beweglichen Lettern druckte, hatte er die Schriftzeichen der gotischen Schreibschrift übernommen. Seine selbst entworfenen gegossenen Schrifttypen, die Lettern, wurden dann im Handsatz zusammengestellt und Seite für Seite gedruckt. Die 42zeilige Bibel, mit rund 3 Millionen Buchstaben, gedruckt um 1452 - 1455, zählt zu den schönsten gedruckten Büchern.
Das Druckgewerbe nahm einen schnellen Aufschwung und umfaßte um 1500 ungefähr 100 Druckereien in Europa. Sie sollen ungefähr 40000 Bücher (Inkunabeln) in 10 Millionen Exemplaren gedruckt haben. Das Aneinandersetzen von einzelnen Lettern zu Wörtern, Sätzen, Seiten und Büchern erforderte viel Geschick und Ausdauer. Viele verschiedene Druckschriften in allen Größen und Charakteren wurden von den Schriftschneidern entworfen und in den Schriftgießereien gegossen.
In einem Fachbuch von 1740 ist die Arbeit des Schriftsetzers kurz so umschrieben:
„Setzer / ist in der Druckerei derjenige / welcher aus dem ihm vorgelegten Exemplar die Lettern in Zeilen / Kolumnen und gantze Formen abgesetzt / Und wenn solche abgedruckt / sie wiederum in ihre gehörige Kästchen einleget.“ Solch ein Setzkasten enthält viele kleine Fächer und ist in seiner Einteilung bis heute fast unverändert geblieben. Hunderte von Holzkästen füllten früher die Setzereien. Das Grundmaterial der Lettern besteht aus eine Blei-Antimon-Zinn-Legierung. Die meisten Setzkästen sind jetzt leer, die Lettern sind verschwunden. Einzelne leere Setzkästen und alte Einzelbuchstaben sind heute, zweckentfremdet, als Zimmerschmuck und für die Aufbewahrung von Zierfiguren zu sehen. Was ist passiert?
Viele Setzer waren tagtäglich mit der Herstellung der Druckformen für Bücher, Zeitschriften und Zeitungen beschäftigt. Im 19. Jahrhundert wurden Versuche unternommen, den zeitraubenden Handsatz zu mechanisieren. Nach über 400 Jahren fast unveränderter Satztechnik ist es dem Deutschen Ottmar Mergenthaler (1854 — 1899) in Amerika gelungen, eine Zeilensatz- und Gießmaschine (Linotype, 1886) zu entwickeln.

Bereits um 1900 waren weltweit rund 8000 und um 1950 rund 75000 Linotype in Betrieb. Die Druckerzeugnisse konnten durch diese neue Erfindung um ein Wesentliches preiswerter hergestellt werden.
Die technische Entwicklung in der Schriftsatzherstellung ging immer schneller. Neue Texterfassungsgeräte, als Foto-, Film- oder Lichtsatz bezeichnete Verfahren, arbeiten mit Lichtgeschwindigkeit und sind heute in vielen Druckereien aufgestellt.
Auf diesen modernen leistungsstarken computergesteuerten Geräten wird heute der überwiegend größte Teil der Satzherstellung vorbereitet.
Fotosetzmaschinen und EDV-Anlagen können die eigentliche Herstellung des Satzes wesentlich beschleunigen. Die Leistung der elektronisch gesteuerten Belichtungseinheiten beträgt heute schon mehrere Millionen Zeichen pro Stunde, was ungefähr 60 Zeitungsseiten entspricht.
Nicht viel ist mehr übrig von dem „Althergebrachten“, von den alten Schriften, dem Geruch von Blei und Druckfarben. Der Winkelhaken das Setzschiff, der Setzkasten und die „Satzlaus“ sind den Fotosetzmaschinen gewichen.
Der alte hochqualifizierte Beruf des Schriftsetzers wird jetzt auch von angelernten Schreibkräften ausgeführt. Knöpfe drücken, Texte tippen, ein kontrollierenden Blick auf den Bildschirm der Fotosetzmaschinen und ab und zu ein „Spuken“ des Druckfehlerteufels beherrschen die heutigen „Schreibstuben“.


„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert.
Und mehr als das Blei der Flinte das im Setzkasten.“
 
Georg Christoph Lichtenberg


Bilder :
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Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
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By Wilhei (Own work) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
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