Buchbinderei Köster
Buchbinderei Köster
Apr
2021

Scheinbücher - Fake Books

von Armin Müller
Buchattrappen sind echten Büchern nachempfunden: Sie simulieren richtige Bücher. Die geheimen Sammelbehälter sind entweder hohle oder massive Nachbildungen. Oft werden auch echte Bücher für Wertgegenstände, Liebesbriefe, Pistolen, Trinkflaschen und vieles mehr ausgeschnitten und die Hohlräume mit Buntpapier ausgefüttert. Meistens sind die ersten paar Seiten erhalten, damit wird der Anschein eines echten Buches vorgetäuscht.
Sehr wenige Bibliotheken und Sammler beschäftigen sich mit dieser Materie. Öffentliche Bestände sind im Deutschen Literaturarchiv Marbach und in der Zentralbibliothek Zürich vorhanden. Private Sammler gibt es kaum. Ebenso existiert kaum Literatur über das spezielle Thema.
Schöne Bücher, die vielversprechend scheinen, aber nicht enthalten, was zur Erscheinung kommen soll, werden als ein schöner Bücherschein wahrgenommen. Im Deutschen wird der Ausdruck mit Buchattrappe, Scheinbuch, Buchsimulant, falsche Bücher, oder Bücher die keine sind, bezeichnet. Im Französischen spricht man von livres feints, livres simulés oder faux livres, im Englischen von counterfeit books, faux books, dummy books, book replicas oder fake books.
Objekte und Gestaltungen, die Bücher vortäuschen, ohne es zu sein“. Diese im Lexikon des gesamten Buchwesens1987 formulierte Definition stammt vom Pilgerzeichenforscher Kurt Köster (1912-1986), seit 1954 Direktor und von 1969-1975 Generaldirektor der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main, der Scheinbücher als „Buchverfremdung“, begriff und erkundete. 

Wenn Gelehrsamkeit zur Attrappe wird, gibt sich der Besitzer eines Scheinbuches einerseits den Anschein des Belesenen, Gebildeten, andererseits ist das Buch, das keines ist, praktisch nutzbar. Funktionswandel heisst das Zauberwort, welches das Symbol von Bildung und Zivilisation für den, der das Geheimnis kennt, banalisiert. Dass Bücher eben nicht nur Ort des Wissens und der Lektüre sind, sondern auch die pure Funktion der Erfrischung, der Spässe, Freuden und Genüsse sein können, wird hier vor Augen geführt.


Die Scheinbücher-Sammlung Armin Müller aus Winterthur Schweiz, ist gewissermassen erleuchtet und einsam, in tausendfünfhundert Objekten von besonderer Eigenart, kostbar, überflüssig und geheim. Sie umfasst im grossen und Ganzen die Zeitspanne zwischen Neunzehnhundert und Art déco, offenbart in räumlicher Hinsicht einen ungeahnten Reichtum von Formen und Reichtum. Die verwendeten Materialien sind äusserst vielfältig: Karton, Papier, Leder, Holz, Blech, Messing, Silber, Gold, Zinn, Elfenbein, Horn, Glas, Porzellan, Steingut, Stein, Wachs, Gewebe, Plüsch, Seide, Bakelit und Kunststoff. Den Formaten sind ebenfalls keine Grenzen gesetzt, Sie reichen von Minibüchern bis hin zu grossen Folianten.

Blechdose
Das Sammeln von Blechdosen ist weit verbreitet und sehr beliebt. Die Blütezeit der Blechverpackung liegt in den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Die Biskuitdosen der 1841 gegründeten Firma Huntley & Palmers aus England, manche in Buchform, zählen zu den Inkunabeln aus der Geschichte der industriell gefertigten Behältnisse. Die Blechdose eignete sich ideal für direkte Werbebotschaften, da sie sich im Gegensatz zu Karton und Papier beliebig formen liess. Das Bedrucken in grossen Serien war mit der Technik der Lithographie möglich.

Von nachgeahmten Trinkgefässen in Buchform sprach man im 16. und 17. Jahrhundert auch von Schnapsbibeln und Teufelsgebetbüchern. Oft werden sie auch mit Körperwärmeflaschen und Handwärmern verwechselt.

Holzbibliothek
Sehr behütet sind die sogenannten Holzbibliotheken, auch Xylotheken genannt. Eine 
Holzbibliothek ist eine Sammlung von Holz und anderen Bestandteilen verschiedener Baumarten und Sträuchern in Buchform. Die Kastenförmigen Behälter dienten zur Aufnahme von Zweigen, Blättern, Samen, Früchten und gelegentlich auch von Schädlingen des jeweiligen Baumes, die dreidimensional vorgestellt werden. Berühmt sind die Ebensberger Bestände aus Deutschland, die zwischen 1790 und1804 vom ehemaligen Niederaltaicher Benediktinermönch, späteren Pfarrer zu Ebensberg und Forstbotaniker Candid Huber (1747-1813) aus dem Kloster Ebensberg in Bayern angefertigt wurden.

Buchtäuschungen im grossen Stil verdanken wir dem Barock und Rokoko. Fiktive Bibliotheken sind nicht nur auf Wände, sondern auch auf Schränke, Regale und Türen gemalt. Bibliotheksbesitzer wollten oft nicht zugeben, dass sie gar nicht so viele Bücher hatten, so wurden Scheinbuchbestände errichtet.
Falsche Buchrücken wurden in mehr oder weniger aufwändiger buchbinderischer Ausführung , aus vergoldetem Leder, auf Wände Türen und Möbelstücke geklebt. Später sind auch Buchtapeten verwendet worden, wie sie die Trompe-l'oeil-Malerei herstellt.
Wachsstock
Der Wachsstock, ein typisches Produkt volkstümlicher Frömmigkeit, ist als spezielle Kerze anzusehen. Unter der Vielfalt der möglichen Formen finden sich häufig Nachbildungen von Gebetsbüchern, teilweise mit buchartig zu öffnenden Deckeln und detailfreudig gestalteten Frontispizen. Umgeben sind sie von Rahmenwerk und floralem Dekor in farbiger Wachsbosierung. Der Rücken ist leicht gewölbt, die Schnitte sind vergoldet, und den Vorderschnitt überspannen zwei „Schliessen“.


Das Stammbuch ist eine frühe Form des Poesiealbums. Zu kaum einer anderen Zeit nahm der Freundschaftskult einen solchen Stellenwert ein wie in der Epoche des Biedermeier. Bestand die frühe Form eines gebundenen Bändchens aus leeren Blättern, so machte sich 
zum Ende des 18.Jahrhunderts eine Veränderung bemerkbar. Es entstanden kleine Kästchen, im Oktavformat richtigen Büchern nachempfunden. Der Ausstattung der Kassetten waren kaum mehr Grenzen gesetzt. Imitierte handvergoldete Halb- und Ganzlederbände, geprägte Kaliko- Einbände im Kathedralstil, Papiereinbände mit Farb-, Gold- und Silberprägung waren zu dieser Zeit in Mode. Ganz gleich wie luxuriös oder schlicht die Aufmachung und die inhaltliche Gestaltung auch waren, letztlich erfüllten sie nur einen Zweck: Erinnerung und Freundschaft sind die Zauberworte, die Seele dieser entzückenden Kästchen: „Ewig soll die Freundschaft blüh'n“.

Sind Scheinbücher etwas Originelles? Je nachdem wie, im Kunstwerk und bei aller Verfremdung, der Geist fluktuiert. Sie sind tatsächlich originär, Ausguss einer seltsamen Erfindung, die sich Täuschung als interesseloses Wohlgefallen zum Ziel setzt.

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